Burj Kalifa Folge 5

15. Januar 2026 von Peter Kirchhartz

Wir schreiben das Jahr 2009. Es sind erst 5 Jahre seit der Grundsteinlegung vergangen. Das Projekt steht kurz vor seiner Fertigstellung.

Die Weltwirtschaft liegt in Trümmern, und in Dubai scheint die Sonne über einem Skelett aus Stahl und Glas. Ist dies ein gigantisches Grabmal von Größenwahn ? Baukräne stehen still, alles Geld ist versiegt. 

Es ist das letzte Kapitel unseres Krimis. Es handelt von der Auferstehung und dem Tanz auf dem Vulkan.

Die Wiedergeburt

Hinter verschlossenen Türen der Paläste in Dubai spielten sich Szenen ab, die spannender waren als jeder Börsen Thriller. Gläubiger standen Schlange, Bauarbeiter warteten auf Lohn. Das Projekt stand am Abgrund. Doch dann kam der Moment, der die Weltkarte des Reichtums neu zeichnete.

In einer nächtlichen Rettungsaktion transferierte das Nachbaremırat Abu Dhabi die astronomische Summe von 10 Milliarden Dollar. Es war kein Geschenk, es war eine Machtverschiebung. Der Turm, der als „Burj Dubai“ geplant war, musste bei seiner feierlichen Eröffnung im Januar 2010 seinen Namen opfern. In einem Akt der Unterwerfung und Dankbarkeit wurde er in Burj Khalifa umbenannt. Zu Ehren des Mannes, der den Scheck unterschrieben hatte.

Der Gigant lebte wieder, aber seine Seele trägt seitdem einen anderen Namen.

Ruft der Maurer Meister zum Lehrling: „Hein, geh mal ne Runde Mettbrötchen holen“

Wenn es denn so einfach wäre, wie auf jeder x-beliebigen Baustelle. Denn davon konnte der Meister auf der Baustelle in Dubai nur wehmütig träumen. 

Baustelle mal anders

Die Baustelle des Burj Khalifa war eine logistische Meisterleistung. Sie erforderte militärische Präzision. Denn täglich waren bis zu 12.000 Arbeiter gleichzeitig vor Ort.

Helden

Eine der zahlreichen Eliten auf dieser monströsen Baustelle waren ohne Zweifel die Kranführer. Weil sie mit zunehmender Höhe, ähnlich einem Körperteil, selbst Teil dieses unglaublichen Skeletts aus Stahl wurden.

Denn diese drei gigantischen Turmdrehkräne strebten zusammen mit dem Gebäude in Richtung Himmel. Sie kletterten, unsichtbar, Geistern gleich, senkrecht mit nach oben. Als ob eine unsichtbare Hand sie Stockwerk um Stockwerk in die Höhe ziehen würde.

Jeder Klettervorgang – ein Hochrisiko Prozess.

Montage unter heimtückischen Windbedingungen – Feinmechanik gleich.

In der Endphase des Baus war für die Kranführer der Weg nach unten, mit Aufzügen und über mehrere Leitern, so zeitintensiv und körperlich anstrengend, dass sie wahrscheinlich hin und wider in kleinen Kabinen direkt unter dem Ausleger schliefen. Und manchmal auch in dem darunter liegenden Geschoss. Dort konnten Arbeiter in aufgebauten Mini Wohneinheiten mit Schlafzimmern, Küche und Bad zur Ruhe kommen und neue Kraft tanken. 

Die Erzählung vom Kranführer, der „oben lebt“, also dauerhaft in den Kabinen unter dem Ausleger schlief, ist als Urban Legend sehr populär. Lokale Medien haben sie allerdings als „Mythos“ bezeichnet.

Menschen aus dutzenden Nationen arbeiteten über Jahre hinweg am Burj Khalifa. Der Turm war für sie kein Gebäude, sondern ein temporärer Staat mit eigener Infrastruktur. 

Bemerkenswert ist dabei ganz besonders, daß vom indischen Stahlarbeiter, der bei 45 Grad Celsius in Schwindel erregender Höhe Schweißnähte setzte, dem Statiker in Chicago, der Windlasten berechnete, dem Hersteller von Beton Hochleistungspumpen – dessen Pumpen einen Weltrekord aufstellen mußten um Beton in 600 Meter Höhe zu schießen – bis zu den Sicherheits Ingenieuren, die Verantwortung trugen hinsichtlich Absturzsicherung, Evakuierungs Konzepten sowie Höhenrettung und medizinischer Versorgung – der Burj Khalifa nur als ein Ergebnis funktionierender globaler Kooperationen entstehen konnte. 

Und genau darin liegt seine eigentliche Größe.

 

Es ist 3:00 Uhr morgens,

mehr als 700 Meter über dem Wüstensand. Der Wind heult hier oben nicht, er schreit. In dieser Höhe gibt es keine Stadtgeräusche mehr, nur noch das metallische Ächzen des Giganten und das Peitschen der Böen gegen den blanken Stahl.

Dies ist die Geschichte der „Spire“, der Turmspitze des Burj Khalifa. Ein mechanischer Krimi, bei dem es um Millimeter ging, während unter den Füßen der Männer sich ein Abgrund von fast einem Kilometer auftat und wie das Schwert des Damocles über ihnen schwebte.

Ein 4.000 Tonnen schweres Phantom

Um den Weltrekord nicht nur zu brechen, sondern zu pulverisieren, brauchte der Riese eine Spitze, die, einer Kopfbedeckung gleich, als krönender Höhepunkt auf dem Stahl Giganten thronen würde.

Mit Kränen ? Unmöglich !                                                                        Schwerlast Helikopter ? Vergiss es !

Eine tollkühne Idee mußte her. 

Wie kann ich eine „ Kopfbedeckung aus 4000 Tonnen Stahl hunderte Meter hoch Richtung Wolken bringen um sie diesem Riesen auf seinen „ Kopf“ zu setzen? 

Um diesem Kopf seine ihm zustehende, standesgemäße Bedeckung zu spendieren, mußten zunächst jedoch andere Köpfe regelrecht qualmen. Nämlich diejenigen von Ingenieuren, Architekten, Statikern und etlichen anderen schlauen Köpfen. 

Und – hat sich die gemeinsame Hirn Akrobatik gelohnt? Tatsächlich, und mit einem kühnen Resultat.

Wir setzen dem Burj Khalifa seine Mütze nicht auf den Kopf sondern wir schieben sie ihm von Innen auf sein stählernes Haupt. Die Spitze wird also zunächst im Inneren des Gebäudes gebaut um sie dann, wie ein riesiges Teleskop, aus sich selbst heraus nach oben zu schieben.

Schweißen im Käfig

Nähte zu schweißen, um zum Beispiel einen hochwertigen Mountain Bike Rahmen zusammen zu fügen erfordert Erfahrung und handwerkliches Geschick. In großen Tiefen unter Wasser Rohre zu verschweißen ist mega anstrengend, nichts für schwache Nerven und der Job für Top Spezialisten und Meister Ihres Fachs.

Die Spitzen Elite dieser Eliten, die Crème de la Crème der allerbesten Schweißer war nun dazu auserkoren die vollbrachte Hirn Akrobatik der Sessel Strategen, Wirklichkeit werden zu lassen. In diesem kaum zu glaubenden, fesselnden Circus aus Superlativen.

In einem schmalen Stahlschacht. In bedrückender Enge. Einem überfüllten Aufzug gleich. In schwindelerregender Höhe. Der Auftrag : Alle Segmente der 4.000 Tonnen schweren Stahlkonstruktion perfekt zusammen zu fügen.

Jede Schweißnaht musste absolut perfekt sein. Ein winziger Lufteinschluss, ein kleiner Riss hätten katastrophale Folgen. Der Belastung durch die enormen Hebelkräfte durfte auf keinen Fall auch nur eine rein theoretische Chance zu einem Angriffspunkt gegeben werden. Sonst würde die Spitze bei einem Sturm wie ein zerbrechlicher Halm im Wüstensand einknicken und vom Winde verweht werden.

Diese Helden in ihren Schutzanzügen und Masken arbeiteten mit Spiegeln und Röntgengeräten. Jede Naht mußte sorgsam kontrolliert, geprüft werden. Und der Turm unter ihnen schwankte im Wind. Die Hitze des Schweißbrenners vermischte sich mit der stickigen Luft im Inneren. Ein klaustrophobyscher Albtraum über den Wolken.

Das große Liften

Dann kam der Tag X. Das gesamte obere Segment der Spitze, über 100 Meter Stahl, mußte hydraulisch nach oben gedrückt werden. Ein bis dahin einmaliges Manöver, welches noch nie zuvor in dieser Größenordnung versucht wurde.

Mit größter Anspannung, nervös, mit feuchten Händen starren etliche Augenpaare auf die installierten Monitore. Hydraulik Pressen beginnen zu drücken. Zentimeter um Zentimeter. Und langsam, im Schneckentempo schiebt sich die Spitze empor.

Würde der Wind jetzt plötzlich zunehmen wäre die Spitze wie ein Segel im Wind. Die Hebelkraft könnte die Führungsschienen im Inneren des Turms verformen, schlimmstenfalls sogar sprengen.

Ein Nervenkrieg. Die Hydraulik darf unter keinen Umständen stocken ! Einseitiger Druck von nur wenigen Bar kann die gesamte Konstruktion verkanten. Die 4.000 Tonnen Stahl stecken unbeweglich fest in 700 Metern Höhe. Ein ewiges Denkmal des Scheiterns.

Die Krise am Himmel

Tatsächlich, mitten im Prozess die Schreckens Nachricht. Windböen von über 120 km/h in der Spitze. Sensoren schlagen Alarm. Männer, Frauen, Hydraulik Pumpen, alle halten den Atem an. Keiner bewegt sich, als ob dadurch die Gefahr gebannt werden könnte. Sie hören wie der Stahl unter der Belastung leise zu Singen beginnt. Kein fröhliches Singen – ein bedrohliches Sing Sang. In hohen Tönen, gefährlich klingend. 

Jetzt abbrechen und riskieren, dass sich alles verkeilt? Oder weitermachen? Wer trifft eine vielleicht schicksalshafte Entscheidung ? Aber sie muß getroffen werden, und zwar jetzt !

Treten wir die Flucht nach vorne an heißt die Devise.

Im Vertrauen auf die geleistete Arbeit und Zuverlässigkeit der Technik. Pumpen arbeiten am Limit. Bolzen setzen sich in ihre Bohrungen mit einem Knall, wie Pistolenschüsse hallen sie im Stahlschaft.

Die Krönung

Nach Tagen des Zitterns rastete der letzte Bolzen ein. Die Spitze war ausgefahren.

Zum Schluß mußte noch ein kleiner Trupp von Technikern nach ganz oben. Auf die absolute Spitze, dort, wo der Platz nur für einen einzigen Menschen ausreicht.

In 828 Metern, werden Flug Funkfeuer und Blitzableiter montiert. Wenn du da oben steht, kannst du die Erdkrümmung sehen.

Wind ist nicht nur mehr Dein Feind. Er ist eine Naturgewalt. In dem Moment lernst du das Gefühl von Ehrfurcht kennen. 

Nachdem der letzte Bolzen festgezogen war, konnte die eigentliche Bestimmung des Burj Khalifa in Angriff genommen werden. Jetzt war er keine Baustelle mehr. Er sollte als beeindruckendes Flaggschiff der Menschheit beweisen, wozu wir fähig sind. Ein Exempel, ein Gigant, einsam senkrecht stehend, im Ozean des Himmels.

Dieses Finale war nur möglich, weil die Arbeitsorganisation wie ein Schweizer Uhrwerk funktionierte. Jedes Werkzeug, jede Schraube musste mit einer Liste kontrolliert werden. Denn wenn einem Arbeiter in 800 Metern Höhe ein Schraubenschlüssel aus der Hand gefallen wäre, wäre er zu einem tödlichen Projektil geworden, das unten sogar Panzerglas durchschlagen hätte.

Kategorien: Dubai

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