Immer mehr Menschen versuchen,ihre Hirnleistung mit Neuro Enhancern zu Höchstleistungen anzutreiben.

„Neuro Enhancement“ bezeichnet die Einnahme von Medikamenten zur Steigerung der Arbeitsleistung. Doch eigentlich gibt es gar keine Medikamente, die ausschliesslich für diesen Zweck entwickelt wurden. Studenten, Manager und Schüler greifen deshalb zurück auf verschreibungspflichtige Medikamente, die gegen Demenz, ADHS oder Schlafkrankheit eingesetzt werden. Von Gesunden eingenommen, sollen sie Kreativität und Konzentrationsfähigkeit steigern können.
In Deutschland haben laut einer DAK-Studie 5% der gesunden Arbeitnehmer bereits zu Neuro Enhancern oder Sedativen gegriffen, um im Job leistungsfähiger und gelassener zu werden. Laut Hochrechnung nehmen 800 000 Menschen in Deutschland regelmäßig diese Präparate ein. Mehr als zwölf Millionen denken darüber nach oder würden gerne,Hirn-Doping ausprobieren.

Ritalin statt Studentenfutter
Auch unter Studenten – vor allem in den lernintensiven Fächern wie Mathematik oder Medizin – sind „Lernpillen“ weit verbreitet. Laut einer Studie der Universität Konstanz fühlt sich fast jeder vierte Studierende durch hohe Leistungsanforderungen stark belastet. Die Techniker Krankenkasse veröffentlichte 2009 eine Studie, wonach Studenten mehr Medikamente verschrieben bekommen als gleichaltrige Berufstätige. Zahlen gibt es hier bisher nur aus den USA: Dort greift inzwischen jeder fünfte Student regelmäßig zu „Smart Pills“. Selbst unter Forschern und Wissenschaftlern ist Neuro-Enhancement beliebt. Das belegt ein Ergebnis einer Studie der Zeitschrift Nature mit ca.1400 Forschern aus 60 Ländern. Jeder fünfte Wissenschaftler gab den Konsum Leistungssteigernder Medikamente zu.

Etwa die Hälfte von ihnen berichteten über Nebenwirkungen in Form von Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit. Besonders „beliebt“ als Hirn-Turbo sind demnach: Methylphenidat zur Konzentrations-Steigerung, Modafinil bei Schichtarbeiter-Syndrom oder Jetlag, Betablocker wie Metoprolol gegen Prüfungsangst,Antidementiva zur Steigerung der kognitiven Leistung und Amphetamine um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen.

Gibt es bald Hirndoping-Tests an der Uni? Beim Sport sind Doping Tests nicht mehr wegzudenken – doch soll dieses System auch an Hochschulen eingeführt werden, um zum Beispiel vor Prüfungen festzustellen, wer „Hirngedopt“ ist und wer nicht ? Schließlich ist es den „sauberen“ Studenten gegenüber nicht fair, wenn ein Teil ihrer Kommilitonen vor dem Examen Hirnleistungs-Booster einwirft.

Trotz Verschreibungspflicht – in vielen Schreibtischschubladen zu finden
Laut der DAK-Studie bekommen 14 Prozent der gesunden Befragten die Mittel ohne Befund von ihrem Arzt verschrieben. Weitere Möglichkeiten, an verschreibungspflichtige Neuro Enhancer zu kommen, sind Internetapotheken oder Freunde. Jeder fünfte Befragte gab an, die Risiken der Medikamente seien im Vergleich zum Nutzen vertretbar. Beispiel: Methylphenidat war ursprünglich zur Behandlung hyperaktiver Kindern gedacht und wird heute von vielen zur Konzentrationssteigerung und zur Unterdrückung von Müdigkeit eingenommen. Es gibt Kinderärzte die dem Mittel zwar kritisch gegenüber stehen – trotzdem hat sich in den letzten 10 Jahren der Verbrauch in Deutschland immerhin verzwölffacht! Auch der „Wachmacher“ Modafinil, der nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, geht immer häufiger über die Theke.

Derzeit erforschen Wissenschaftler den so genannten „Off-Label-Use“ der Neuro Enhancer, also die Wirkung der Medikamente bei Gesunden. Zu Risiken und Nebenwirkungen . . . Sie beginnen bei harmlosen Kopfschmerzen und reichen von Schlaflosigkeit über Herzrhythmusstörungen bis hin zu Halluzinationen und Angstzuständen. Langzeitfolgen bei Gesunden sind noch nicht erforscht.

Die Intelligenz steigern können die Neuro Enhancer nicht – sie reizen aber das vorhandene Potenzial wesentlich besser aus. Hier ein Überblick über die bekanntesten Neuro Enhancing Wirkstoffe

Methylphenidat

Ursprünglich wurde der kokainähnliche Wirkstoff (z.B. in Ritalin) zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern entwickelt und unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz. Methylphenidat sorgt für eine Steigerung der Dopamin-Konzentration im Körper, von der sich Gesunde eine Steigerung der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit erhoffen.

Modafinil

Der stimulierende Wirkstoff (z.B. Vigil) wird zur Behandlung der Schlafkrankheit Narkolepsie eingesetzt. Vermutlich verlangsamt es die Ausschüttung eines Schlaf fördernden Botenstoffes. Daher wird es gerne bei Jetlag und Müdigkeit eingenommen. Doch Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Einnahme die Leistung langfristig eher verschlechtert statt verbessert.

Piracetam

Meistverordnetes Mittel gegen Demenz. Es regt den Hirnstoffwechsel an und bewirkt bei Demenzkranken eine befristete Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten. Da es vor allem das Sprachzentrum stimuliert, soll Piracetam auch bei Gesunden helfen, Sprachen oder Vokabeln besser lernen zu können.

Fluoxetin

Der in den USA als Prozac bekannte Wirkstoff ist ein beliebtes Mittel gegen Depressionen. Er erhöht den Serotonin-Spiegel im Körper und wirkt als Stimmungsaufheller. Doch Fluoxetin hat eine erhöhte Selbstmordgefahr als Nebenwirkung, bei Langzeiteinnahme besteht Suchtgefahr.

Metoprolol

Als Betablocker ist Metoprolol bei Bluthochdruck und Herzerkrankungen zugelassen, gelegentlich wird es zur Vermeidung von Migräneattacken verschrieben. Da Metoprolol die Wirkung der so genannten „Angsthormone“ Adrenalin und Noradrenalin hemmt und Stressempfindungen lindert, wird es gerne zur Bewältigung von Lampenfieber eingesetzt.

Wer lieber über natürliche Alternativen nachdenken möchte – hier ein paar Ideen:

Effektives Zeitmanagement

Geistige Hochphasen wie die Morgenstunden werden zum Lernen genutzt, während natürlicher Tiefphasen wie zum Beispiel nach dem Mittagessen wird entspannt.

Sport

Jede Art von sportlicher Aktivität baut Stresshormone ab und fördert kreatives Denken.

Ernährung

Frisches Obst, Gemüse und komplexe Kohlenhydrate sind optimales Brainfood. Gegen Erd- und Walnüsse (mit ungesättigten Fettsäuren und Vitamin B1), Fisch und Algen (dank Jod und Omega-3-Fettsäuren), sowie Rind, Lamm, Geflügel, Bohnen und Linsen (wichtige Eisenlieferanten) sehen die Enhancer richtig alt aus . . . !

Every Day Kicks

Kaffee regt das zentrale Nervensystem an und steigert für ca. zwei Stunden die Aufmerksamkeit. Kaugummi steigert durch die Muskelbewegung die Gedächtnisleistung um 20 Prozent. Flavonoide aus dunkler Schokolade verbessern die Hirndurchblutung für bis zu drei Stunden.

Na dann, guten Appetit und wachen Durchblick…

Peter Kirchhartz

Foto DAK

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